Anthropologie ist ein vieldeutiger Begriff. 1) Im disziplinären Sinn bezeichnet Anthropologie vor allem die biologischen Wissenschaften vom Menschen (Evolutionstheorie, Humangenetik etc.), im angelsächsischen und französischen Sprachgebrauch (anthropology; anthropologie) Ethnologie und Sozialanthropologie. 2) Die philosophische Anthropologie beschäftigt sich mit dem Sein des Menschen, seinen Fähigkeiten und seiner Stellung zu Natur und Kosmos. Zentral war schon im 16.  Jh. die Frage nach dem Verhältnis der natürlichen oder animalischen und der vernünftigen Anteile des Menschen. In einem weiteren Sinn bezeichnet Anthropologie generell das Wissen vom Menschen in seiner historischen Variabilität, wie es sich zu spezifischen Menschenbildern verdichtet, die sich in der Geschichte wandeln und ausdifferenzieren (Wandel und Pluralisierung der Menschenbilder; Barsch/Hejl 2000). Anthropologie erscheint dabei auch als Bezeichnung für eine Fachbuchgattung (des 18. und 19. Jh.s), in welcher – wie in C. F. Burdachs Der Mensch nach den verschiedenen Seiten seiner Natur: Anthropologie für das gebildete Publicum (Stuttgart 1837) – das Wissen vom Menschen popularisierend und teils unter ethischer Perspektive dargeboten wird.

Forschungsrichtungen, die heute die Bezeichnungen historische, literarische oder biographische Anthropologie führen, rekurrieren in unterschiedlicher Weise auf den Menschen sowie auf die Wissenschaften und Wissensstände vom Menschen. Dabei werden die Bezeichnungen uneinheitlich und häufig mehrdeutig verwendet. So meint historische Anthropologie einerseits eine Beschäftigung mit der Rolle des einzelnen konkreten Menschen in der Geschichte, wobei mentalitäts-, sozial-, alltags- und mikrogeschichtliche Fragestellungen verfolgt werden. Nicht geschichtsmächtige ‘große Männer’, sondern die „Teilhabe aller Menschen an der Geschichte“ steht im Zentrum: „Die Geschichte wird als von Menschen gemachtes Werk betrachtet, wie umgekehrt der Mensch als durch die Geschichte geprägtes Wesen definiert wird.“ (van Dülmen 2000, 32f.) Im Kontext eines solchen Interesses an einer kleinräumig arbeitenden historischen Anthropologie sind zahlreiche jüngere Biographien entstanden, so etwa Carlo Ginzburgs Biographie eines Müllers im Friaul. Andererseits wird unter historischer Anthropologie auch die Beschäftigung mit der Geschichtlichkeit des Wissens vom Menschen in seinen einzelnen Aspekten verstanden und in Studien zur Geschichtlichkeit menschlicher Grunderfahrungen und scheinbarer anthropologischer Konstanten erkundet (Familie, Kindheit, Leiblichkeit, Geschlechtlichkeit, Sexualität, Trauer, Tod etc.) (Dressel 1996; Kaser 2004).

Auch in den Literaturwissenschaften existieren unterschiedliche Forschungsrichtungen. Neben einer gerade in der Germanistik anzutreffenden wissenschaftshistorischen Ausrichtung auf die Geschichte der Wissenschaften vom Menschen in ihrer diskurs- und disziplingeschichtlichen Formierung, existieren unterschiedliche Tendenzen der Beschäftigung mit ‘Literatur und Anthropologie’:

1) Grundsätzliche Ansätze zu einer „Anthropologie der Literatur“ gehen von der Frage aus: „Warum dichten Menschen als einzige uns bekannte Lebewesen?“ (Zymner u. Engel 2004, 7). W. Iser spricht hier vom Fiktionsbedürfnis des Menschen; der Mensch als ein Rollenspieler nutzt für diese Anlage auch die literarische Produktion (Iser 1991). Forschungsansätze fragen u.a. nach den ‘poetogenen Strukturen’ in der Nichtkunst als Grundlage der Literarizität der Dichtkunst oder nach dem Erzählen als einer anthropologischen Universalie.

2) Im Sinn der historischen Anthropologie und Mentalitätsgeschichte betonen auch Literaturwissenschaftler die Perspektive auf den einzelnen Menschen in seinen veränderlichen Haltungen zu einer wechselnden Lebenswelt (Röcke 2002). Diese Perspektive legt bereits eine Präferenz für Autobiographisches und Ego-Dokumente nahe, denn in ihnen zeige sich „kein fingiertes Szenario auf der Grundlage des neuen Wissens über den Menschen“, sondern die erlebnisgesättigte Selbstthematisierung des Menschen an der Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit: „authentische, rückhaltlose, erlebte conditio humana“ (Pfotenhauer 1987, 1f.). Dadurch unterscheide sich das Autobiographische von den fingierten Charakteren, Figuren und Intrigen in Roman und Drama.

3) Umgekehrt kann ‘literarische Anthropologie’ gerade als diese fingierten Szenarien der Menschennatur verstanden werden. Besonders für die Literatur der Aufklärung und des Biedermeier ist betont worden, dass Literatur selbst einen Beitrag zur Wissensproduktion über den Menschen leistet. Teils bemühen sich die Forschungsarbeiten um die anthropologische Kontextualisierung der Literatur, teils wird der eigene anthropologische Diskurs der Literatur betont. Die ‘literarische Anthropologie’ bezeichnet also die impliziten oder expliziten Annahmen über die conditio humana, wie sie Grundlage der Gestaltung literarischer Figuren und ihrer Entwicklung ist und setzt diese in Beziehung zur Problematisierung fragwürdig gewordener Menschenbilder. So hinterfragt die literarische Anthropologie des Biedermeier das harmonisierende Modell des ganzen Menschen (Lukas 2000) und die Literatur des späten 19. Jahrhunderts nimmt teil an einer vordiskursiven Aufmerksamkeit für Nervenkrankheiten. Das ‘nicht szientifische’, poetische Sprechen von der Natur des Menschen und vom Menschen als Naturwesen erscheint als „die anthropologische Funktion des Poetischen“ (Riedel 1996, xiii). Häufig erweisen sich die literarischen Inszenierungen der Menschennatur als strategische, persuasive, argumentative Mittel zur Profilierung ethischer und sozialethischer Folgerungen (‘rhetorische Anthropologie’).

Vor diesem Hintergrund kann → ‘biographische Anthropologie’ als eine spezielle literarische Anthropologie verstanden werden: als die implizite oder explizite Konstruktion des/der Biographierten auf der Basis einer angenommenen allgemeinen conditio humana sowie spezifischer Aspekte (Typologie, Geschlechterdiskurs, Rasse etc.). Die Biographie betrachtet das Individuum in den Bedingungen seines Mensch-seins, und sie setzt nicht selten diese anthropologische Grundierung für ihre ethischen und didaktischen Zwecke ein (von Zimmermann 2006).

(aus: Christian von Zimmermann, Biographie und Anthropologie. In: Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien. Hg. von Christian Klein (Hg.). Stuttgart: Metzler 2009, S. 61–70.)

Literatur:
  1. Barsch, Achim u. Peter M. Hejl: Zur Verweltlichung und Pluralisierung des Menschenbildes im 19. Jahrhundert: Einleitung. In: Dies. (Hgg.), Menschenbilder. Zur Pluralisierung der Vorstellung von der menschlichen Natur (1850–1914). Frankfurt a.M. 2000, S. 7–90.
  2. Braungart, Wolfgang, Klaus Ridder u. Friedmar Apel (Hgg.): Wahrnehmen und Handeln. Perspektiven einer Literaturanthropologie. Bielefeld 2004.
  3. Dressel, Gert: Historische Anthropologie. Köln, Weimar/Wien 1996.
  4. Dülmen, Richard van: Historische Anthropologie. Entwicklung – Probleme – Aufgaben. Köln, Weimar/Wien 2000.
  5. Iser, Wolfgang: Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie. Frankfurt/M. 1991.
  6. Kaser, Karl: Menschliche Grunderfahrungen – der Blick der Historischen Anthropologie. In: Elisabeth List u. Erwin Filala (Hgg.): Grundlagen der Kulturwissenschaften. Interdisziplinäre Kulturstudien. Tübingen/Basel 2004, S. 457–475.
  7. Lukas, Wolfgang: ‘Gezähmte Wildheit’: Zur Rekonstruktion der literarischen Anthropologie des ‘Bürgers’ um die Jahrhundertmitte (ca. 1840–1860). In: Achim Barsch u. Peter M. Hejl (Hgg.), Menschenbilder. Zur Pluralisierung der Vorstellung von der menschlichen Natur (1850–1914). Frankfurt a.M. 2000, S. 335–375.
  8. Ostwald, Wilhelm: Grosse Männer. Studien zur Biologie des Genies. Bd. 1. Leipzig 3/41910.
  9. Pfotenhauer, Helmut: Literarische Anthropologie. Selbstbiographien und ihre Geschichte – am Leitfaden des Leibes. Stuttgart 1987.
  10. Riedel, Wolfgang: „Homo Natura“. Literarische Anthropologie um 1900. Berlin/New York 1996.
  11. Röcke, Werner: Historische Anthropologie. Ältere deutsche Literatur. In: Claudia Benthien u. Hans Rudolf Velten (Hgg.): Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Reinbek 2002, S. 35–55.
  12. Romein, Jan: Die Biographie. Einführung in ihre Geschichte und ihre Problematik. Bern 1948 (niederländische EA 1946).
  13. Zimmermann, Christian von u. Nina von Zimmermann (Hgg.): Familiengeschichten. Biographie und familiärer Kontext seit dem 18. Jahrhundert. Frankfurt a.M. 2008.
  14. Zimmermann, Christian von: Biographische Anthropologie. Menschenbilder in lebensgeschichtlicher Darstellung (1830–1940). Berlin/New York 2006.
  15. Zymner, Rüdiger u. Manfred Engel (Hg.), Anthropologie der Literatur. Poetogene Strukturen und ästhetisch-soziale Handlungsfelder. Paderborn 2003.