{"id":837,"date":"2020-03-03T22:37:10","date_gmt":"2020-03-03T20:37:10","guid":{"rendered":"http:\/\/vonzimmermann.ch\/?p=837"},"modified":"2020-07-13T09:03:08","modified_gmt":"2020-07-13T07:03:08","slug":"wo-und-zu-welchem-zweck-studiert-man-editionsphilologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vonzimmermann.ch\/?p=837","title":{"rendered":"Wo und zu welchem Zweck studiert man Editionsphilologie?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Man habe sich bei den Romanen von Jeremias Gotthelf \u00ab\u00fcberall an die urspr\u00fcngliche Lesart\u00bb und \u00abden reinen unverf\u00e4lschten Text\u00bb gehalten, informierte der Berner Germanist Otto Sutermeister (1832\u20131901) in der \u00abIllustrierten Prachtausgabe\u00bb. Im gleichen Atemzug betonte er freilich, es stelle hierzu keinen Widerspruch dar, wenn er nur einen Teil der Werke und diesen zudem auch gek\u00fcrzt publiziere, denn er wolle einen lebendigen Gotthelf edieren. Er habe nur auf das verzichtet, was schon zeitgen\u00f6ssisch als \u00abanst\u00f6\u00dfig\u00bb erschienen sei. Dies habe nichts mit \u00abF\u00e4lschung, Verfeinerung oder \u00c4sthetisierung des \u2018Urtextes\u2019\u00bb zu tun, denn er, Sutermeister, habe \u00abnichts gethan, als was der gro\u00dfe Mann, f\u00fcr den er schon vor einem halben Jahrhundert geschw\u00e4rmt hat, sicher selbst billigen w\u00fcrde\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser r\u00fchrigen Naivit\u00e4t des mit \u2018seinem\u2019 Autor innig bekannten Editors r\u00e4umte der Schweizer Editionsphilologe Hans Zeller (1926\u20132014) gr\u00fcndlich auf. An die Stelle editorischer Eingriffe trat bei Zeller die Pflege des autorisierten Textes, seiner Fassungen und seiner Genese. Mit der Edition der Gedichte von C.F. Meyer nahm er Teil an einer philologischen Bewegung, welche den Text in seinem Entstehungsprozess unter strenger Wahrung der Zeichen des Autors darbot. Nicht zuletzt Zeller ist es zu verdanken, dass die neuphilologische Editionsphilologie aus dem Schatten einer Hilfsdisziplin zwischen Literaturwissenschaft und Buchmarkt trat und ein eigenes Fach werden konnte. In Altphilologie, Bibelphilologie und Medi\u00e4vistik hatte diese Verwissenschaftlichung bereits viel fr\u00fcher eingesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der Leistungen des 19. und 20. Jahrhunderts ist ein qualitativer Sprung in der Gegenwart erkennbar. Heutige Editionsphilologie entwickelt sich nicht zuletzt als eine digitale Disziplin. Gleichg\u00fcltig ob Buch- oder Webedition: in der Regel beginnen Editionen, nachdem die editionsphilologischen Grundlagen gekl\u00e4rt sind, nun mit einem Prozess der Datenmodellierung, der Wahl geeigneter digitaler Editionsinstrumente, der Suche nach technischen Projektpartnern f\u00fcr Publikation, Langzeitdatenspeicherung und -verf\u00fcgbarhaltung. War bei Bucheditionen das avisierte Publikum klar umrissen (Fachpublikum, Studierende, Lehrpersonen), so stellen sich mit der digitalen Publikation neue Herausforderungen. Analysen differenzierter Benutzungsanforderungen an Text und Kommentar geh\u00f6ren heute ebenso zu den Grundlagen der Edition wie die Gestaltung des Graphical User Interface. Noch fehlen freilich vielfach die n\u00f6tigen Kompetenzen: Nichts ist im schnellen digitalen Medium so alt, wie die gestern aufgeschaltete Edition, wenn sie nicht mit einem Blick f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse von morgen gestaltet worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist also keine Frage, zu welchem Zweck man Editionsphilologie studiert: zur methodisch geleiteten Pflege des schriftlich fixierten kulturellen Erbes unter den Herausforderungen an der Schwelle zum digitalen Zeitalter. Auch wenn weniger Editionsphilolog*innen gebraucht werden als Lehrpersonen, besteht hier ein kleiner Arbeitsmarkt. Die Schweiz hat im europ\u00e4ischen Kontext eine F\u00fchrungsrolle auf dem Gebiet der Editionen, da es hier wieder bedeutende editorische Grossprojekte gibt, die sich den digitalen Herausforderungen engagiert stellen, darunter die Editionen J.C. Lavater, Robert Walser und Jeremias Gotthelf.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Seit 2011 bietet die Universit\u00e4t Bern in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Literaturarchiv den einzigen Masterstudiengang Editionsphilologie in der Schweiz an. Die Studierenden werden in Theorie und Praxis der Edition einschliesslich digitaler Editionstechnik eingef\u00fchrt. Der transdisziplin\u00e4re Studiengang umfasst alt- und neuphilologische sowie musik- und geschichtswissenschaftliche Lehrinhalte. Ein Schwerpunkt besteht in Angeboten zur Schnittstelle zwischen Archiv und Edition, welche durch die N\u00e4he der Universit\u00e4t zum SLA besonders attraktiv sind. Mit PD Dr. Irmgard Wirtz und dem Team des SLA erleben die Studierenden in regelm\u00e4ssigen Lehrveranstaltungen praxisnah den Umgang mit schriftstellerischen Nach- und Vorl\u00e4ssen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bestandteil des Studienprogramms ist ein Praktikum, in welchem die Studierenden Gelegenheit zur fachlichen Spezialisierung erhalten. Praktika werden h\u00e4ufig am SLA, in den Berner Editionsprojekten Parzival oder Jeremias Gotthelf sowie an weiteren Institutionen im In- und Ausland absolviert \u2013 u.a. an der Telemann-Edition in Magdeburg, der Valle-Incl\u00e1n-Edition in Santiago de Compostela, am \u00d6sterreichischen Literaturarchiv oder am Max Frisch-Archiv in Z\u00fcrich. Das SLA unterst\u00fctzt auch praxisnahe Masterarbeiten wie etwa zum Konzept einer Edition von Carl Spittelers Russlandbriefen oder zu einer Arbeit \u00fcber Emil Ludwigs autobiografische Texte.Das Berner Studium der Editionsphilologie kann \u2013 gemeinsam mit dem SLA \u2013 den Studierenden Einblicke in die gesamte Breite des Faches vom literarischen Archiv bis hin zur digitalen Arbeitstechnik und Pr\u00e4sentation bieten, um sie f\u00fcr eine Pflege des kulturellen Erbes ohne r\u00fchrige Mutmassungen auszubilden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Dieser Text erschien in der Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs <\/em><a href=\"https:\/\/www.nb.admin.ch\/snl\/de\/home\/ueber-uns\/sla\/publikationen\/passim\/passim--bisherige-nummern\/passim-24--kooperationen.html\"><em>&#8222;Passim&#8220;,<\/em> Nr. 24, 2020<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>[cite]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man habe sich bei den Romanen von Jeremias Gotthelf \u00ab\u00fcberall an die urspr\u00fcngliche Lesart\u00bb und \u00abden reinen unverf\u00e4lschten Text\u00bb gehalten, informierte der Berner Germanist Otto Sutermeister (1832\u20131901) in der \u00abIllustrierten Prachtausgabe\u00bb. 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