{"id":1055,"date":"2020-05-08T09:36:50","date_gmt":"2020-05-08T07:36:50","guid":{"rendered":"http:\/\/vonzimmermann.ch\/?p=1055"},"modified":"2020-05-08T09:36:52","modified_gmt":"2020-05-08T07:36:52","slug":"digitale-lehre-aus-dem-gotthelf-zentrum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vonzimmermann.ch\/?p=1055","title":{"rendered":"Digitale Lehre aus dem Gotthelf Zentrum"},"content":{"rendered":"\n<p>Die &#8222;Berner Zeitung&#8220; hat in ihrer Regionalbeilage freundlich \u00fcber mein Projekt einer Vorlesungssequenz \u00fcber Gotthelf aus dem Gotthelf Zentrum berichtet. In meinem <a href=\"https:\/\/www.unibe.ch\/universitaet_bern_in_zeiten_coronas\/index_ger.html\">Corona Blog<\/a> habe ich die Hintergr\u00fcnde dargestellt:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lockerungs\u00fcbung<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gedanken eines Literaturwissenschaftlers in einer \u00dcbergangszeit mit ungewisser Richtung, 4. Teil<\/h4>\n\n\n\n<p>Am Freitag war es so weit. Am Freitag im Home Office riefen all jene an, die nun bald wieder arbeiten gehen wollen. Termine f\u00fcr die Kinder, Termine f\u00fcr einen selbst. Sogar die Krankenkasse rief an und fragte, wie es mir gehe in dieser Zeit. Gut, sagte ich, mir gehe es gut. Ob sie aus dem Home Office anrufe? Wie es ihr gehe? Ob sie zurecht k\u00e4men mit der Organisation der Arbeit? Dass es mir gut gehe, best\u00e4tigte ich nochmals. Warum sie eigentlich anriefe? Danke. Ja, es gehe mir gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu noch etliche Mails, Skype-Nachrichten und Dropbox-Paper-Mitteilungen von wirklich netten Kolleginnen und Kollegen. Irgendwann war es dann mal genug. Wie soll man eine Vorlesung im Home Office vorbereiten, wenn alle wissen, dass man gerade zuhause gut erreichbar ist? Die Kollegin, die dann die rote Stoptaste erhielt, wird es mir nicht \u00fcbel nehmen. Wenn man in Langzeitforschungsprojekten eigentlich immer am Rand von Belastungsgrenzen zusammenarbeitet, gut \u2018eingespielt\u2019 ist, dann gewinnt man eine gewisse \u00dcbung in solidarischer Toleranz, kann auch darauf vertrauen, dass die anderen diese \u00dcbung haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht war es auch gar nicht zu viel, sondern einfach immer Dasselbe. Dieselbe Wand, derselbe Kaffeebecher, derselbe Zoom-Bildschirm als Kontaktersatz, derselbe Stuhl, der zuhause nicht ergonomisch ist, dieselbe st\u00e4ndig verschmierte Lesebrille. Man kann hundertmal die nackten F\u00fcsse auf dem Holzfussboden sp\u00fcren, das Nachvibrieren der Fingerkuppen beim Tippen auf der irgendwie harten Tastatur oder als Grund\u00fcbung den Atem, wie er kommt und wie er geht. All das hilft. Sehr. Aber eben nicht immer. \u201eIch bin nun mal kein Yogi\u201c, so hiess ein Buch des DDR-Schriftstellers Joachim Walther, dass ich als Buchhandelsgehilfenlehrling auf Osterkundung kaufte und las. Hier passt eher nur der Titel, der mich schon damals anzog \u2013 vor allem, weil ich ihn nicht auf dem Buchcover eines Coming-of-age-Buches in einer DDR-Buchhandlung erwartet h\u00e4tte. Es lohnt sich immer, <em>ent<\/em>t\u00e4uscht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger Mann aus Berlin will bei einer Hochwasserkatastrophe helfen, kommt zu sp\u00e4t und sitzt einer esoterisch angehauchten holl\u00e4ndischen Bekanntschaft zuliebe herum: \u201eVerdammt noch mal, ich halt das nicht mehr aus, dieses Rumsitzen, ich bin nun mal kein Yogi, ich mu\u00df was tun, mu\u00df Leute sehen, mit Leuten reden.\u201c (Das Buch, dass ich damals kaufte, hat mein Wanderleben nicht \u00fcberlebt. Es muss wohl die f\u00fcnfte Auflage von 1985 gewesen sein.)<\/p>\n\n\n\n<p>Zu tun habe ich genug und hatte ich auch in der Selbstisolation. Gesehen und gesprochen habe ich sehr viele, aber nur digital. Hundespazierg\u00e4nge gehen immer, helfen meistens, aber \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sind es auch die Selbstzweifel, diese chronische Befindlichkeit von mindestens der H\u00e4lfte aller Hochschuldozierenden, ob Lehrkonzepte aufgehen, die Studierenden etwas mitnehmen \u2013 und ob der Aufwand, den man mit der Lehre treibt, gen\u00fcgt, zu gross ist, sich eigentlich lohnt usf. Nun gewinnt man mit den Jahren gewiss Routine und auch eine dickere Haut, aber bei den nun notwendigen digitalen Lehrformaten hilft allenfalls letztere (also wenn sie schon recht hornh\u00e4utig ist), aber eben keine Routine.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u2018schwierigste\u2019 aller denkbaren Lehrformate ist der 90-Minuten-Podcast von einer Dozentin oder einem Dozenten, der oder die nicht so grandios ist wie \u2013 sagen wir mal \u2013 Matto K\u00e4mpf. Obwohl, es reicht bei einer Doppellektion vielleicht auch nicht, Matto K\u00e4mpf zu sein. Man kann sich schlichtweg kaum eine intellektuelle \u2018Rampensau\u2019 vorstellen, die allw\u00f6chentlich 90 Minuten Podcast rocken k\u00f6nnte. Manche gesch\u00e4tzte Kolleginnen und Kollegen bringen es auf 30, 40, 45 Minuten intellektueller Hochspannung. Auch digital, habe ich auch schon angeh\u00f6rt. Besonders eben bei Galavortr\u00e4gen oder jedenfalls besonderen Tagungsauftritten, die dann im Internet verf\u00fcgbar sind. Bei der w\u00f6chentlichen Vorlesung habe ich als Student \u2018live\u2019 manche intellektuelle Sternstunde erlebt, aber niemand bietet Woche f\u00fcr Woche eine Sternstunde seines Faches im 90-Minuten-Format, die auch im vor- und r\u00fcckspulbaren Video ohne Realpr\u00e4senz \u00fcberlebte. Darum geht es ja auch gar nicht. Es geht um anschauliche Vermittlung von Inhalten, am Beispiel gezeigte Zugangsweisen und Methoden (Handwerkszeug), Theorien \u2013 nicht um Selbstvermittlung. Aber.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber erstens m\u00f6chte man das ja auch in so einer Situation auf eine Art und Weise machen, dass die Studierenden nicht nur qualvolle Stunden erleben, und zweitens ist es ziemlich langweilig, einen vorbereiteten Vorlesungsstoff irgendwie \u2013 und sei es auch so gut, wie es eben unge\u00fcbt geht \u2013 in die Webcam zu sprechen. Besonders langweilig ist es, wenn man dann doch einmal den Home Office Koller hat.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Freitag jedenfalls hilft nur noch eine halbwegs kreative Idee. In der Novellenvorlesung geht es um Jeremias Gotthelfs Hochkanonnovelle <em>Die schwarze Spinne<\/em>. Aus der einen Spinne werden viele schwarze Spinnlein, die Tod und Verderben \u00fcber das Tal bringen. Ich widerstehe der Versuchung, die aberhundert aktualisierenden Lekt\u00fcren des Textes um eine pandemische Spinnenplage zu erweitern. Dass sind so Reflexhandlungen in meinem Fach, die wie die Virusdeutungsmoden derzeit die Intellektuellen im routinierten Leerlaufprogramm zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Freitag hilft nur der Gang zu den Urspr\u00fcngen \u2013 und der Kontakt zu Heinrich Sch\u00fctz, einem der r\u00fchrenden Leiter des Gotthelf-Zentrums in L\u00fctzelfl\u00fch. Wie \u00fcberall sonst sind auch in L\u00fctzelfl\u00fch im alten Pfarrhaus, Gotthelfs einstiger Wirkungsst\u00e4tte, die T\u00fcren geschlossen. Am 1. April h\u00e4tten Museum und Jahresausstellung ge\u00f6ffnet werden sollen. Nun hofft man auf den 9. Juni. Sobald klar ist, dass ich am Samstag das Zentrum f\u00fcr mich haben werde, dort die Vorlesung aufzeichnen kann, drehe ich alle digitalen Kommunikationsmedien auf besetzt und versuche meiner Gotthelfsequenz in der Vorlesung einen einigermassen medientauglichen Schliff zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich passiert alles, was so passieren kann: F\u00fcr vier Vorlesungskapitel von insgesamt etwa 75 Minuten gibt es mit Raumwechseln, Versprecherkorrekturen und \u00e4hnlichem mehr dreieinhalb Stunden Drehzeit im und ums Zentrum. Ich sehe mich mit Armen schlackern, als wollte ich davonfliegen. Was mache ich in dieser Szene eigentlich mit meiner Hand? Bei der Begr\u00fcssung im Zentrum durch Heinrich Sch\u00fctz h\u00f6rt man lautes Traktorger\u00e4usch, und das eigentlich gute Mikrophon reagiert bei den Aussenaufnahmen mit Grundrauschen auf den leichten Wind. Bei den Aussenaufnahmen in der Laube sitze ich in einem Meer von Bl\u00fctenstaub, dass man mich an der Teppichstange ausklopfen k\u00f6nnte. Die Mehrfachrolle von Skriptautor, Kamerafrau, Sprecher, Komparsin und Kaffeeboy ist anstrengend. In der letzten Filmsequenz sitze ich vor der integrierten Webcam wie ein zusammengesunkenes H\u00e4ufchen M\u00fcdigkeit, so dass ich das Bild sp\u00e4ter beim Schneiden durch einen Museumsrundgang ersetze. Perfektion, das schrieb ich wohl schon, sieht anders aus. Nach so viel Home Office war diese Anstrengung ein gutes Ventil, und hoffentlich erreicht das Resultat auch die Studierenden. Das w\u00e4re sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Bl\u00fctenstaub, das Gef\u00fchl in Gotthelfs Wirkungsst\u00e4tte am Nachbau seines Arbeitstisches zu sitzen, allein im Museum, der Geruch, das laute Knarzen des Fussbodens. Am liebsten h\u00e4tte ich Schuhe und Str\u00fcmpfe ausgezogen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schneiden braucht dann einige Stunden; das Hochladen der vier Vorlesungskapitel w\u00e4hrt eine gef\u00fchlte Ewigkeit, doch der Tag ist dann wie ein Geschenk, das nachwirkt \u2013 und sei es nur als Erinnerung an die Ger\u00e4usche im leeren Museum und durch ganz beil\u00e4ufige taktile Anwesenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>26.04.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8222;Berner Zeitung&#8220; hat in ihrer Regionalbeilage freundlich \u00fcber mein Projekt einer Vorlesungssequenz \u00fcber Gotthelf aus dem Gotthelf Zentrum berichtet. In meinem Corona Blog habe ich die Hintergr\u00fcnde dargestellt: Lockerungs\u00fcbung Gedanken eines Literaturwissenschaftlers in einer \u00dcbergangszeit mit ungewisser Richtung, 4. Teil Am Freitag war es so weit. 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