{"id":171,"date":"2014-11-05T21:58:38","date_gmt":"2014-11-05T19:58:38","guid":{"rendered":"http:\/\/vonzimmermann.ch\/?page_id=171"},"modified":"2023-05-23T14:09:31","modified_gmt":"2023-05-23T12:09:31","slug":"literarische-anthropologie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/vonzimmermann.ch\/?page_id=171","title":{"rendered":"Literarische Anthropologie"},"content":{"rendered":"\n<p>Anthropologie ist ein vieldeutiger Begriff. 1) Im disziplin\u00e4ren Sinn bezeichnet Anthropologie vor allem die biologischen Wissenschaften vom Menschen (Evolutionstheorie, Humangenetik etc.), im angels\u00e4chsischen und franz\u00f6sischen Sprachgebrauch (<em>anthropology; anthropologie<\/em>) Ethnologie und Sozialanthropologie. 2) Die philosophische Anthropologie besch\u00e4ftigt sich mit dem Sein des Menschen, seinen F\u00e4higkeiten und seiner Stellung zu Natur und Kosmos. Zentral war schon im 16.\u00a0 Jh. die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis der nat\u00fcrlichen oder animalischen und der vern\u00fcnftigen Anteile des Menschen. In einem weiteren Sinn bezeichnet Anthropologie generell das Wissen vom Menschen in seiner historischen Variabilit\u00e4t, wie es sich zu spezifischen Menschenbildern verdichtet, die sich in der Geschichte wandeln und ausdifferenzieren (Wandel und Pluralisierung der Menschenbilder; Barsch\/Hejl 2000). Anthropologie erscheint dabei auch als Bezeichnung f\u00fcr eine Fachbuchgattung (des 18. und 19. Jh.s), in welcher \u2013 wie in C. F. Burdachs <em>Der Mensch nach den verschiedenen Seiten seiner Natur: Anthropologie f\u00fcr das gebildete Publicum<\/em> (Stuttgart 1837) \u2013 das Wissen vom Menschen popularisierend und teils unter ethischer Perspektive dargeboten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Forschungsrichtungen, die heute die Bezeichnungen historische, literarische oder biographische Anthropologie f\u00fchren, rekurrieren in unterschiedlicher Weise auf den Menschen sowie auf die Wissenschaften und Wissensst\u00e4nde vom Menschen. Dabei werden die Bezeichnungen uneinheitlich und h\u00e4ufig mehrdeutig verwendet. So meint historische Anthropologie einerseits eine Besch\u00e4ftigung mit der Rolle des einzelnen konkreten Menschen in der Geschichte, wobei mentalit\u00e4ts-, sozial-, alltags- und mikrogeschichtliche Fragestellungen verfolgt werden. Nicht geschichtsm\u00e4chtige \u2018gro\u00dfe M\u00e4nner\u2019, sondern die \u201eTeilhabe aller Menschen an der Geschichte\u201c steht im Zentrum: \u201eDie Geschichte wird als von Menschen gemachtes Werk betrachtet, wie umgekehrt der Mensch als durch die Geschichte gepr\u00e4gtes Wesen definiert wird.\u201c (van D\u00fclmen 2000, 32f.) Im Kontext eines solchen Interesses an einer kleinr\u00e4umig arbeitenden historischen Anthropologie sind zahlreiche j\u00fcngere Biographien entstanden, so etwa Carlo Ginzburgs Biographie eines M\u00fcllers im Friaul. Andererseits wird unter historischer Anthropologie auch die Besch\u00e4ftigung mit der Geschichtlichkeit des Wissens vom Menschen in seinen einzelnen Aspekten verstanden und in Studien zur Geschichtlichkeit menschlicher Grunderfahrungen und scheinbarer anthropologischer Konstanten erkundet (Familie, Kindheit, Leiblichkeit, Geschlechtlichkeit, Sexualit\u00e4t, Trauer, Tod etc.) (Dressel 1996; Kaser 2004).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in den Literaturwissenschaften existieren unterschiedliche Forschungsrichtungen. Neben einer gerade in der Germanistik anzutreffenden wissenschaftshistorischen Ausrichtung auf die Geschichte der Wissenschaften vom Menschen in ihrer diskurs- und disziplingeschichtlichen Formierung, existieren unterschiedliche Tendenzen der Besch\u00e4ftigung mit \u2018Literatur und Anthropologie\u2019:<\/p>\n\n\n\n<p>1) Grunds\u00e4tzliche Ans\u00e4tze zu einer \u201eAnthropologie der Literatur\u201c gehen von der Frage aus: \u201eWarum dichten Menschen als einzige uns bekannte Lebewesen?\u201c (Zymner u. Engel 2004, 7). W. Iser spricht hier vom Fiktionsbed\u00fcrfnis des Menschen; der Mensch als ein Rollenspieler nutzt f\u00fcr diese Anlage auch die literarische Produktion (Iser 1991). Forschungsans\u00e4tze fragen u.a. nach den \u2018poetogenen Strukturen\u2019 in der Nichtkunst als Grundlage der Literarizit\u00e4t der Dichtkunst oder nach dem Erz\u00e4hlen als einer anthropologischen Universalie.<\/p>\n\n\n\n<p>2) Im Sinn der historischen Anthropologie und Mentalit\u00e4tsgeschichte betonen auch Literaturwissenschaftler die Perspektive auf den einzelnen Menschen in seinen ver\u00e4nderlichen Haltungen zu einer wechselnden Lebenswelt (R\u00f6cke 2002). Diese Perspektive legt bereits eine Pr\u00e4ferenz f\u00fcr Autobiographisches und Ego-Dokumente nahe, denn in ihnen zeige sich \u201ekein fingiertes Szenario auf der Grundlage des neuen Wissens \u00fcber den Menschen\u201c, sondern die erlebnisges\u00e4ttigte Selbstthematisierung des Menschen an der Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit: \u201eauthentische, r\u00fcckhaltlose, erlebte <em>conditio humana<\/em>\u201c (Pfotenhauer 1987, 1f.). Dadurch unterscheide sich das Autobiographische von den fingierten Charakteren, Figuren und Intrigen in Roman und Drama.<\/p>\n\n\n\n<p>3) Umgekehrt kann \u2018literarische Anthropologie\u2019 gerade als diese fingierten Szenarien der Menschennatur verstanden werden. Besonders f\u00fcr die Literatur der Aufkl\u00e4rung und des Biedermeier ist betont worden, dass Literatur selbst einen Beitrag zur Wissensproduktion \u00fcber den Menschen leistet. Teils bem\u00fchen sich die Forschungsarbeiten um die anthropologische Kontextualisierung der Literatur, teils wird der eigene anthropologische Diskurs der Literatur betont. Die \u2018literarische Anthropologie\u2019 bezeichnet also die impliziten oder expliziten Annahmen \u00fcber die <em>conditio humana<\/em>, wie sie Grundlage der Gestaltung literarischer Figuren und ihrer Entwicklung ist und setzt diese in Beziehung zur Problematisierung fragw\u00fcrdig gewordener Menschenbilder. So hinterfragt die literarische Anthropologie des Biedermeier das harmonisierende Modell des ganzen Menschen (Lukas 2000) und die Literatur des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts nimmt teil an einer vordiskursiven Aufmerksamkeit f\u00fcr Nervenkrankheiten. Das \u2018nicht szientifische\u2019, poetische Sprechen von der Natur des Menschen und vom Menschen als Naturwesen erscheint als \u201edie anthropologische Funktion des Poetischen\u201c (Riedel 1996, xiii). H\u00e4ufig erweisen sich die literarischen Inszenierungen der Menschennatur als strategische, persuasive, argumentative Mittel zur Profilierung ethischer und sozialethischer Folgerungen (\u2018rhetorische Anthropologie\u2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund kann <a href=\"http:\/\/vonzimmermann.ch\/?page_id=169\">\u2192 \u2018biographische Anthropologie\u2019<\/a> als eine spezielle literarische Anthropologie verstanden werden: als die implizite oder explizite Konstruktion des\/der Biographierten auf der Basis einer angenommenen allgemeinen <em>conditio humana<\/em> sowie spezifischer Aspekte (Typologie, Geschlechterdiskurs, Rasse etc.). Die Biographie betrachtet das Individuum in den Bedingungen seines Mensch-seins, und sie setzt nicht selten diese anthropologische Grundierung f\u00fcr ihre ethischen und didaktischen Zwecke ein (von Zimmermann 2006).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">(aus: Christian von Zimmermann, Biographie und Anthropologie.&nbsp;In: Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien. Hg. von Christian Klein (Hg.). Stuttgart: Metzler 2009, S. 61\u201370.)<\/p>\n\n\n<p>[cite]<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-group\">\n<p><!-- \/wp:post-content --><\/p>\n<p><!-- wp:shortcode --><\/p>\n<p><!-- \/wp:shortcode --><\/p>\n<p><!-- wp:heading {\"level\":6} --><\/p>\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Literatur:<\/h6>\n<p><!-- \/wp:heading --><\/p>\n<p><!-- wp:list {\"ordered\":true} --><\/p>\n<ol>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol><!-- wp:list-item --><\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Barsch, Achim u. Peter M. Hejl: Zur Verweltlichung und Pluralisierung des Menschenbildes im 19. Jahrhundert: Einleitung. In: Dies. (Hgg.), <i>Menschenbilder. Zur Pluralisierung der Vorstellung von der menschlichen Natur (1850\u20131914). <\/i>Frankfurt a.M. 2000, S. 7\u201390.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Braungart, Wolfgang, Klaus Ridder u. Friedmar Apel (Hgg.): <i>Wahrnehmen und Handeln. Perspektiven einer Literaturanthropologie.<\/i> Bielefeld 2004.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Dressel, Gert: <i>Historische Anthropologie. <\/i>K\u00f6ln, Weimar\/Wien 1996.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>D\u00fclmen, Richard van: <i>Historische Anthropologie. Entwicklung \u2013 Probleme \u2013 Aufgaben<\/i>. K\u00f6ln, Weimar\/Wien 2000.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Iser, Wolfgang: <i>Das Fiktive und das Imagin\u00e4re. Perspektiven literarischer Anthropologie<\/i>. Frankfurt\/M. 1991.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Kaser, Karl: Menschliche Grunderfahrungen \u2013 der Blick der Historischen Anthropologie. In: Elisabeth List u. Erwin Filala (Hgg.): <i>Grundlagen der Kulturwissenschaften. Interdisziplin\u00e4re Kulturstudien<\/i>. T\u00fcbingen\/Basel 2004, S. 457\u2013475.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Lukas, Wolfgang: \u2018Gez\u00e4hmte Wildheit\u2019: Zur Rekonstruktion der literarischen Anthropologie des \u2018B\u00fcrgers\u2019 um die Jahrhundertmitte (ca. 1840\u20131860). In: Achim Barsch u. Peter M. Hejl (Hgg.), <i>Menschenbilder. Zur Pluralisierung der Vorstellung von der menschlichen Natur (1850\u20131914). <\/i>Frankfurt a.M. 2000, S. 335\u2013375.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Ostwald, Wilhelm: <i>Grosse M\u00e4nner. Studien zur Biologie des Genies. <\/i>Bd. 1. Leipzig <sup>3\/4<\/sup>1910.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Pfotenhauer, Helmut: <i>Literarische Anthropologie. Selbstbiographien und ihre Geschichte \u2013 am Leitfaden des Leibes<\/i>. Stuttgart 1987.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Riedel, Wolfgang: <i>\u201eHomo Natura\u201c. Literarische Anthropologie um 1900<\/i>. Berlin\/New York 1996.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>R\u00f6cke, Werner: Historische Anthropologie. \u00c4ltere deutsche Literatur. In: Claudia Benthien u. Hans Rudolf Velten (Hgg.): <i>Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einf\u00fchrung in neue Theoriekonzepte<\/i>. Reinbek 2002, S. 35\u201355.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Romein, Jan: <i>Die Biographie. Einf\u00fchrung in ihre Geschichte und ihre Problematik<\/i>. Bern 1948 (niederl\u00e4ndische EA 1946).<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Zimmermann, Christian von u. Nina von Zimmermann (Hgg.): <i>Familiengeschichten. Biographie und famili\u00e4rer Kontext seit dem 18. Jahrhundert<\/i>. Frankfurt a.M. 2008.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Zimmermann, Christian von: <i>Biographische Anthropologie. Menschenbilder in lebensgeschichtlicher Darstellung (1830\u20131940)<\/i>. Berlin\/New York 2006.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- wp:list-item --><\/p>\n<p>Zymner, R\u00fcdiger u. Manfred Engel (Hg.), <i>Anthropologie der Literatur. Poetogene Strukturen und \u00e4sthetisch-soziale Handlungsfelder.<\/i> Paderborn 2003.<\/p>\n<p><!-- \/wp:list-item --><\/p>\n<p><!-- \/wp:list --><\/p>\n<p><!-- \/wp:freeform --><\/p>\n<\/div>\n<p><!-- \/wp:group --><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anthropologie ist ein vieldeutiger Begriff. 1) Im disziplin\u00e4ren Sinn bezeichnet Anthropologie vor allem die biologischen Wissenschaften vom Menschen (Evolutionstheorie, Humangenetik etc.), im angels\u00e4chsischen und franz\u00f6sischen Sprachgebrauch (anthropology; anthropologie) Ethnologie und Sozialanthropologie. 2) Die philosophische Anthropologie besch\u00e4ftigt sich mit dem Sein des Menschen, seinen F\u00e4higkeiten und seiner Stellung zu Natur und Kosmos. 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